Hat Jesus alle Nahrung „rein“ erklärt?

Dienstag, 17. April 2012 |  Zwi Sadan

„Er erklärte jede Nahrung als rein“ war Jesus Antwort an die, die Anstoß daran nahmen, dass einige seiner Jünger zu essen begannen, ohne sich vorher die Hände rituell zu waschen. Diese kurze Bemerkung wird oft so verstanden, dass „Gott mit dieser Aussage den Unterschied zwischen rituell reinen und unreinen Nahrungsmitteln aufgehoben hat“ (Tyndale Neues Testament, Kommentare zu Markus 7,19).
Diese Interpretation besagt, dass Jesus alle Gesetze aufgehoben hat, die reine und unreine Nahrungsmittel und Küchenwerkzeuge betreffen. Zum Beispiel wird damit unterstellt, Jesus behaupte, das Gesetz „Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter“ könne von seinen jüdischen Jüngern ignoriert werden. Genauso soll Jesus allen Juden erklärt haben, dass sie Gesetzen wie „Allerlei irdenes Gefäß, wo solcher Aas hineinfällt, wird alles unrein, was darin ist; und sollt's zerbrechen“ (3.Mose 11,33) keine Beachtung mehr schenken sollen.
Markus hatte sich jedoch niemals vorgestellt, dass durch die Diskussion über rituelles Händewaschen ein Bild von Jesus entsteht, das ihn als einen Messias darstellt, der die Aufhebung des Gesetzes predigt. Dies wäre für ihn undenkbar, denn dasselbe Gesetz, dem sich Jesus unterwarf, sagt, dass ein Prophet getötet werden soll, der „dich aus dem Wege verführt hat, den der HERR, dein Gott, geboten hat, darin zu wandeln" (5.Mose 13,5). Das bedeutet, dass Interpretationen wie die obige Jesus zu einem falschen Propheten machen.
Rituelles Händewaschen wurde von Hillel und Schamai eingeführt, den zwei wichtigsten Weisen im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Obwohl diese Regel auf 2.Mose 30,19-20 beruht, gilt sie doch als rabbinisches Gesetz, das genauso bindend ist wie Gesetze direkt aus der Torah, nach dem Grundsatz: „Gemäß der Weisung, die sie dir erteilen, und dem Urteile, das sie dir zustellen ...“ (5.Mose 17,11). Trotz der Wichtigkeit des Gesetzes wurde es sogar von den Weisen in der Generation nach Jesu angefochten: „Aber wen haben sie verbannt? Elieser, Sohn des Enoch, der gegen das Gebot des Händewaschens verstoßen hat“ (Mishna, Eduiot, 5:6).
Deswegen kann Jesus hier lediglich unterstellt werden, dass er ein rabbinisches Gesetz anzweifelt, kein biblisches. Man erkennt daraus, dass er sich des Unterschieds zwischen „biblischem Gesetz“ und „rabbinischem Gesetz“ (das erste war wichtiger) durchaus bewusst war. Zum Beispiel überträgt nach biblischem Gesetz weder Nahrung noch ein Getränk Unreinheit auf ein Gefäß, es waren die Rabbiner, die beschlossen haben, solches als Unreinheit anzuerkennen (als Vorsichtsmaßnahme, um nicht einmal die Möglichkeit aufkommen zu lassen, das biblische Gesetz zu übertreten). Dies bedeutet natürlich nicht, dass ein Jude die Gesetze der Rabbiner übertreten darf, aber es bedeutet, dass ein anderer Rabbiner ein neues rabbinisches Gesetz anfechten kann, so dass neue Gesetze eine lange Zeit brauchen, um in Kraft zu treten, manchmal sogar hunderte Jahre.
Die Debatte, die Markus hier also anstößt, zeigt Jesus somit nicht als eine Person, die die Reinheitsgebote der Bibel abschaffen möchte, sondern als jemanden, der die Prioritäten seiner Zeitgenossen in Frage stellt – Das Gesetz im Namen der Tradition zu vernachlässigen: „Gottes Gebot laßt ihr dahinten und haltet an der Überlieferung der Menschen.“ Während uns also die Kommentare Tyndales zeigen wollen, dass Jesus lehrt, die Gesetze zu ignorieren, macht Markus deutlich, dass er seine Zeitgenossen kritisierte, weil sie die biblischen Gesetze nicht einhielten.
Obwohl es verschiedene Ansichten zu Jesus Aussage gibt, dass „nur was aus dem Menschen kommt, ihn unrein machen kann“, sollte und kann nicht geleugnet werden, dass er in Opposition zum Zeitgeist stand. Seine einzige Sorge bestand in diesem Fall jedoch darin, das rabbinische Gesetz nicht über das biblische zu stellen.

Möchten Sie mehr Nachrichten aus Israel erhalten?
Klicken Sie hier um den KOSTENLOSEN täglichen Newsletter per Email zu erhalten.