Heute Abend beginnt Jom HaSchoa

Mittwoch, 18. April 2012 |  Michael Schneider

Mit einer offizellen Gedenkandacht im Beisein des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem Staatspräsidenten Schimon Peres beginnt heute um 20 Uhr in Yad Vashem, Jerusalem, der israelische Holocaust-Gedenktag. Unter dem Motto: „Le-Olam lo od - Nie wieder“ zünden sechs Überlebende und Zeitzeugen eine Fackel an - im Namen der 6 Millionen Juden, die vom Nazi-Regime systematisch ermordet wurden. Morgen, Donnerstag, den 19. April, heulen die Sirenen um 10 Uhr morgens zur Schweigeminute, in der ganz Israel stillsteht und der Ermordeten gedenkt. Anschließend, um 10:30 Uhr, werden alle in Yad Vashem registrierten Namen der Umgekommenen vor breitem Publikum im Jiskor-Gedenkraum der Holocaustgedenkstätte verlesen. Um 16 Uhr findet der 20. „Marsch der Lebenden“ in Polen statt, dieses Jahr mit den Obersten des israelischen Polizeistabs.
Die israelische Tageszeitung Jediot Achronot veröffentlichte heute auf der Titelseite ein Schwarz-Weiß-Foto (siehe Bild) aus Würzburg, Deutschland 1932, mit der Überschrift „‘Du bist Jude’, sagte die Kindergärtnerin, ‘dreh dich um, sonst versaust du das Gruppenbild’“. Auf dem Foto sieht man lachende Kinder und den kleinen Paul, den Juden, mit dem Rücken zur Wand. Den anderen Kindern wurde zudem von der Kindergärtnerin verboten, mit ihm zu spielen. Als Neunjähriger floh er nach München, wo er sich eine Zeit lang versteckt hielt. Als 19-jähriger kämpfte er bei den Engländern in der legendären jüdischen Brigade gegen die Deutsche Wehrmacht. Später wanderte er nach Israel ein und nannte sich von da an Schraga Har-Gil (Freudenberger). „Diesen Moment hat mein Vater nie vergessen, wie die Kamera den deutschen Antisemitismus noch vor dem Krieg aufnahm“ sagt sein Sohn Amir über das veröffentlichte Kindergarten-Foto. Schragas Eltern wurden damals auch noch verpflichtet, für das Gruppenfoto des Montessori-Kindergartens zu zahlen. Sein Vater hat ihm von diesem erniedrigenden Erlebnis erst in seinen späten Jahren erzählt. Die meisten Mitglieder seiner Familie sind in den Gaskammern von Auschwitz umgekommen. Amir Har-Gil drehte 2004 den Film „The Art of Living – Die Kunst des Überlebens“, der als Erföffnungsfilm bei den 3. Jüdischen Filmtagen in München vor einigen Wochen vor gutbesuchten Hallen gezeigt wurde. Er berührte das deutsche Publikum sehr. Der Film handelt von der außergewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Amirs 70-jährigen Vater Schraga und Ulla Gessner, der Tochter deutscher Christen aus Krefeld, deren Fabrik zur Zeit des Zweiten Weltkriegs das Gas zur Tötung seiner Familienangehörigen im KZ herstellte.
Schraga Har-Gil war bis zu seinem Tod politischer Redakteur der israelischen Tageszeitung Maariv. Im September 2009 verstarb er während einer Lesereise zu seinem neuen Buch in seiner früheren Heimatstadt – in Würzburg.

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