Reductio ad Hitlerum: Netanjahu der Judeo-Nazi

Donnerstag, 23. Mai 2019 |  Tsvi Sadan

Reductio ad Hitlerum (lateinisch „Rückführung auf Hitler“) bezeichnet einen logischen Fehlschluss. Die von Leo Strauss geprägte Phrase beschreibt folgendes Schema: Hitler fand Gefallen an neoklassischer Kunst, daher ist die Neoklassik eine Form der Nazikunst. Hitler glaubte an das Prinzip der traditionellen Familie, daher ist die Idee der traditionellen Familie eine Nazi-Idee.

Man möchte meinen, dass Israelis die letzten seien, die ihre Mitjuden mit Hitler und den Nazis vergleichen, allein schon aus dem Grund, dass solch ein Vergleich nicht nur den Holocaust verharmlost, sondern diesen auch noch negiert.

Traugigerweise haben Israelis einander seit weitaus längerer Zeit mit Nazis verglichen, als man meinen möchte. Im Jahr 1933 bezeichnete der spätere erste israelische Premierminister David Ben Gurion seinen politischen Rivalen Zeev (Vladimir) Jabotinsky als „Vladimir Hitler“. Fairerweise muss gesagt werden, dass Ben Gurion diese Aussage noch vor dem Holocaust traf.

Und nach dem Holocaust? Israelis, die eine Verbindung zwischen dem heutigen Israel und dem Deutschland der 1930er ziehen, haben absolut keine Entschuldigung. Und doch tun sie es, in fehlgeleiteten Versuchen, das Ansehen Israels oder ihrer politischen Gegner irreversibel zu beschmutzen.

Der Philosoph Yeshayahu Leibowitz war dafür bekannt. Im Zuge des Libanonkrieges 1982 verglich er Israel als solches mit Nazideutschland. Er rechtfertigte diesen Vergleich, indem er auf die israelische „Besatzung“ deutete. Er ging so weit, den Begriff „Judeo-Nazi“ zu erfinden, den er dann für seine jüdischen Landsleute verwendete. Dieser Begriff hat sich mittlerweile in den linksgerichteten Diskurs eingebettet, ein Diskurs, der die Rechte diffamieren will.

Wenn Rechtsgerichtete das „N“-Wort gegen Linksgerichtete nutzen, dann auf völlig andere Art und Weise, nämlich als eine Art Fluch oder Obszönität. Von den Linken wird der Begriff „Nazi“ dagegen als rationaler Vergleich zwischen ihren heutigen politischen Gegnern und den größten Unmenschen in der Geschichte verwendet.

Während des Holocaustgedenktages 2016 hielt der damalige stellvertretende Armeechef Yair Golan eine Rede, die alles nur noch schlimmer machte. Golan sagte unter anderem: „Die erschütternden Entwicklungen, die sich einst in Europa abspielten, greifen auch hier (in Israel) langsam um sich, das ist erschreckend.“ Auf seine Rede folgte ein Sturm der Entrüstung, der ihm warscheinlich seine Beförderung zum Generalstabschef kostete. Seither, und insbesondere seit Netanjahus maßgeblichem Wahlsieg, hat das Nazi-Argument, das jetzt als Sorge um Israels Demokratie dargelegt wird, noch an Fahrt gewonnen.

Während seiner ersten Rede in der Knesset hat „Blau-Weiß“-Parteiführer Benny Gantz davor gewarnt, Israel stehe eine dunkle Zukunft bevor, sollte es Netanjahu gelingen, die sogenannte „Überbrückungs-Klausel“ durchzudrücken, die die Regierung befähigen würde, Gesetze wieder zu erlassen, die zuvor vom Obersten Gericht einkassiert worden sind.

Ganz beließ es nicht bei bloßer Kritik des Premierministers. Er musste Netanjahu und dessen neue Regierung mit Israels Nazi-Feinden vergleichen. „Ich habe gegen (nazi-ähnliche) Feinde gekämpft, die uns vernichten wollten“, sagte Gantz. „Ich stehe heute hier, um eine neue Gefahr zu bekämpfen. Eine Gefahr gegen unsere Demokratie. Wir werden in den Straßen kämpfen, auf den Plätzen der Stadt, in den Vierteln und Schulen.“

Wem diese Worte bekannt vorkommen sollten: Es handelte sich um eine abgewandelte hebräische Version der bekannten Rede Winston Churchills mit dem Titel „We Shall Fight on the Beaches“ („Wir werden an den Stränden kämpfen“) während der deutschen Offensive gegen Frankreich im Jahr 1940.

Wenn nun also ein ehemaliger Armeechef, ein Mann, der fast Premierminister geworden wäre, Israels Demokratie mit einem gescheiterten Nazi-Regime vergleicht, dann schafft er eine Atmosphäre, in der alle Mittel recht sind, um gegen das Böse zu kämpfen, was heute die Form Netanjahus und seines Kabinetts hätte.

Und als wenn das nicht genug wäre, gab nur einen Tag nach der Rede von Gantz, auch die Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, Esther Hayut, im deutschen Nürnberg eine Rede. Im Kontext gesehen mag es natürlich erscheinen, dass Hitler an diesem Ort Erwähnung findet. Eine Parallele zwischen Nürnberg und der Regierung Netanjahus zu ziehen, ist jedoch nicht mehr legitim. Doch genau dies tat Hayut, indem sie an das deutsche „Ermächtigungsgesetz“ von 1933 erinnerte. Für Oberrichterin Hayut ist es völlig in Ordnung, Anspielungen auf Hitler zu nutzen, um Netanjahus Machenschaften zu bekämpfen, obwohl selbst viele Israelis glauben, dass der Oberste Gerichtshof viel zu viel Macht innehat und der Premierminister eigentlich nur eine gemäßigte Balance herstellen will.

Netanjahu geht davon aus, dass eine ungebremste Macht der Judikativen die Demokratie bedroht. Der Unterschied zwischen Hayut und Netanjahu besteht darin, dass letzterer nie Vergleiche mit dem Deutschland der 1930er ziehen würde. Daher stellt sich die Frage, ob Gantz und Hayut das Reductio ad Hitlerum Argument nutzen, um uns Israelis davon zu überzeugen, dass eine Demokratie unter einem konservativem Regime nicht funktioniere? Wahre Demokratie, scheinen sie zu behaupten, kann nur liberal oder progressiv sein.

Foto: Flash90

Möchten Sie mehr Nachrichten aus Israel erhalten?
Klicken Sie hier um den KOSTENLOSEN täglichen Newsletter per Email zu erhalten.